Paul Böckelmann

 
 

Eine Fotoausstellung mit Hüten von Manuela Schwabe und einer Modenschau

Eröffnung: 19. September 2004

 

Paul Böckelmann : Der Auslöser


Karin, eine Freundin in Kopenhagen, zu der Zeit 60 Jahre alt, zieht sich während eines gemeinsamen Urlaubes beim Baden einen heftigen Sonnenbrand zu. In der Wohnung angekommen, kann sie endlich die Kleidung ablegen um die schmerzenden Hautpartien zu versorgen.


Krebsrotes Fleisch aktiviert Spott und Kamera.


Beim Durchsehen der Fotos fällt auf, dass sich die Frau, trotz schmerzender Haut, trotz des Wissens um ihre wirklichen oder eingeflüsterten Problemzonen selbstbewusst, fast kokett, den abfälligen, abwertenden Meinungen über altes Weiberfleisch zum Trotz, in Schönheit präsentiert. 


Selbst die Zufälligkeiten auf dem Foto wie Sandale, Zeitung, irgendwas verhindern nicht die eingefangene, fast klassische Harmonie, sondern unterstützen das Dokumentarische, steigern die Authentizität des Bildes.


Dieses Bild besitzt alle Merkmale, die in der Idee von ‚Frauenpower 40+’, so der Arbeitstitel, ausgelöst von dieser Aufnahme, zu Arbeitsprinzipien werden sollen:

Das Weib, die Frau, der Mensch präsentiert sich im Umfeld, auf der Bühne der eigenen Wohnung.


Das unmittelbare, dokumentarische Festhalten des Augenblicks wird ohne technische Raffinements, wie Ausleuchten, aufwendige Aufnahmetechnik oder vorbereitete Requisiteninstallationen realisiert.


Ausschließlich die Ideen der Frauen ob in Erwartung des Fototermins zurechtgelegt oder spontan umgesetzt sind die Antriebe der körperlichen Präsentation.


Ich selbst äußere weder Ideen noch Wünsche. Meine Aufgabe besteht im Festhalten des Moments und ich bin bemüht, dem Recht auf die Schönheit jedes, seines Körpers Ausdruck zu verleihen.

                                                                            

Eröffnungsrede:


Verehrte Damen und Herren!


Wie eröffnet ein Maler eine, seine Fotoausstellung?

Ein Experte muss her. Ein Wissenschaftler, der alles über Fotokunst weiß, der den Kennerblick hat. Einer, der weiß worum es geht.

Und da fällt mir Marbot ein. Jener, der in einer Erzählung Hildesheimers, ein großer Kunstkenner wird. Und dann aus Verzweiflung über seine ungestillte Sehnsucht, seinen nie erfüllten Wunsch, einmal, nur ein einziges Mal ein Bild malen, etwas schöpfen zu können, aus dieser Verzweiflung heraus wahrscheinlich in den Vesuv steigt und nie zurückkehrt.


Also gehe ich heute den anderen Weg und steige aus dem Atelier direkt vors Mikrophon, um etwas zu erklären. Was zu erklären? Die Bilder? Das ganz sicher nicht!


Aber vielleicht etwas zu sagen, zu Bildern, die uns gemacht werden, auf die Netzhaut gebrannt, über das Sehen ins Hirn gepflanzt werden sollen.


Zwei Tote bei einer Schießerei um 10,35 Uhr, in einer Vormittagsserie im TV, das ist statthaft, das lässt sich zeigen. Aber wehe ein Schwänzchen findet vor laufender Kamera, lippenspaltend, Lustgewinn, da schreit garantiert ein Sittenwächter, tief in der Seele getroffen, zum Schutze der Jugend auf zum Feldzug gegen die Unmoral.


Silikontitten in der täglichen Morgenzeitung und retuschiertes Fleisch, Weiberfleisch in Mengen auf und in den Boulevardblättern, das ist genehm. Aber abgelichtete Falten am Bauch einer Fünfzigjährigen entfachen einen lauten Sturm der Entrüstung. Da furzt dann der Jugendwahn  ästhetische Normierungen ins Land.


Die Aufzählung der mich bewegenden  alltäglichen, wie auch gegensätzlichen Erscheinungen ließe sich beliebig fortsetzen. Eines bleibt aber als schaler Beigeschmack, auch wenn ich, jetzt über Fünfzig, mehr altersgedämpfte Abgeklärtheit zur Schau tragen müsste. Und da sind wir schon wieder bei der Erscheinung, die ich meine: Wer will, dass ich die Welt so und so zu sehen, zu genießen, so und nicht anders schön zu finden habe?


Die! Zeitungsmacher, Fernsehmacher, Bildermacher, Meinungsmacher, Nachbarn, Macher aller Colours? Das wäre eine einfach schöne, befriedigende Antwort. Das funktioniert so nicht, leider.


Wir stehen also vor dem Zwiespalt dass jeder einzelne seine Vorstellungen, Vorlieben, Wunschbilder mit sich herumschleppt und es dann trotzdem so etwas wie ein allgemeingültiges, jedermanns Illusion erfüllendes Bild geben soll. Immer wieder wurde versucht, das Maß der Schönheit zu vermessen. Dürer versuchte, es im Ideal des Kreises umzusetzen. Heute legen wir die metrische Schablone 90-60-90 an. Und dann bekennt ein anderer seine Freude, seinen Genuss an Korpulenz.


Wie man merkt, meine Damen und Herren, scheint es nicht einfach, sich über gültige Normen von Schönheit einigen zu können und es ist auch schwer festzumachen, was oder wer uns letztendlich unsere Sicht formt.

Zwinge ich mich selbst in ein Sehkorsett? Zwängt es mich? Sehen, über lange, alltägliche Zeit erworben, angedichtet, dressiert?


Als ich einen Freund fragte, ob er sich auch einmal in seiner Wohnung fotografieren ließe, seine Frau hatte es schon getan, mhm, drehte er seinen Hals unruhig im plötzlich enggewordenem T-Shirt-Ausschnitt, streckte  sein Kinn nach vorn und versuchte eine Menge Begründungen zu finden, wie, ich definiere mich in und auf der Arbeit, eigentlich, kann ich so etwas nicht und so weiter, um den Versuch abzulehnen.


Und das, obwohl wir uns ein Leben lang kennen, wir uns nichts vormachen können und es auch erst einmal ein adäquater Versuch sein sollte. Als alternative Idee schlugen mir Frauen wie Männer vor, doch schwule Bekannte anzusprechen.


Da war es also wieder, das gewöhnliche, alltägliche Klischee, oder wie alles sich so schön geordnet hat. Wer, was  Schönheit repräsentiert. Wie das Bild auszusehen hat. Das Bild der Frau, des Mannes. Das Bild, das sich der Mann von der Frau macht, das Bild welches sich die Frau von sich zu machen hat, das Bild welches sein kann, sein darf, sein muss.


Hier also die festgehaltenen Momente. 


Mich erstaunte beim fotografieren die Verwandlung der Frauen. Wo anfänglich noch Pickel, Falte, Alter oder was weiß ich um bedingte Akzeptanz warben, gewann bei jeder Frau bald, von Foto zu Foto, schnell, Selbstbewusstsein, Sicherheit, Freude und die Lust eigenen Körperbewußtseins die Oberhand.


Und mich verblüfften Spielfreude und Ideen, die Jugend-, ja Mädchenhaftes der so genannten REIFEN Frauen, diesen Ausdruck kann nur ein Mann in die Sprache eingeführt haben, der Fotografierten ans Tageslicht brachten.


Diese Serie hat den Arbeitstitel Frauenpower 40 plus. Dieser Titel persifliert die Sprache der Kontaktanzeigen, in denen der mögliche Sex mit dieser Altersgruppe fast wie eine Perversität angeboten wird. Es soll damit kein neues, anderes Schönheitsnormativ erkämpft werden, sondern wie auch in der Serie vom Elfenreigen oder der Serie COLLAGEN ist die Auseinandersetzung mit dem Klischee ein wichtiger, diese Arbeiten verbindender Aspekt.


Im Elfenreigen agieren junge Frauen, unbeschwert, voller Lebenslust hier, in dieser Umgebung. Sie sind da und überall. Und das Ergebnis ist ihre virtuelle Anwesenheit. Phantasie, Realität. Fließende Grenzen. Körper, schön, wie noch unbeschriebene Seiten. Auch hier stellt sich die Frage was wir sehen oder auch nicht und was wir denken, uns zusammenreimen.


Die dritte Arbeit COLLAGEN zeigt schon einmal stilisierte, missbrauchte Schönheit, abgebildet, retuschiert, zurechtgebogen. Der Mensch tritt hinters reproduzierte Abbild zurück. Das verschwindet in den Hochglanzseiten der Zeitschriften, Boulevardmagazine und Pornoheftchen und die landen als ausgelesenes, übersehenes Altpapier auch in meinem Atelier. Und aus den Schnipselansammlungen und Dreckhaufen versuche ich neue Bilder zu fischen.      


Sie, meine Damen und Herren können heute beurteilen, worin meine Freude und Lust beim Festhalten des Augenblickes, woran ich sie teilhaben lassen möchte, besteht und ob doch mehr als nur Jugendlichkeit, glatte Oberfläche, bewährte Vorstellungen es wert sind festgehalten, präsentiert, fotografiert, gewürdigt zu werden.


Na gut, ich hatte die Idee, aber die Frauen haben den Mut! Wieso eigentlich ist noch Mut dafür notwendig?

                                                                   

Und nun kann ich Ihnen nur eine vergnügliche, interessante Stunde beim Betrachten der Fotos wünschen. Und wem es zuviel wird, abgelichtetes Leben anzusehen der kann im Gebäude nebenan Keramik von ERNA oder schon intensiv die Hut Kreationen der Frau Manuela Schwabe bewundern.


Danach zelebrieren dann Freundinnen des Hauses eine Schau der Mode, welche von der Firma Barth aus Bad Liebenwerda angeboten wird.

                                                                                              Danke 

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