Interview

 

“Ich habe viele Männer weinen sehen” in  LR/Kultur vom 9.11.2011


Paul Böckelmann zeigt Bewohner und Biografien eines Lausitzer Dorfes


Altenau bei Mühlberg im Elbe-Elster-Kreis besteht aus 64 Gebäuden, in denen rund 220 Menschen leben. Der ortsansässige Künstler Paul Böckelmann hat fast alle Bewohner und ihre Häusern fotografiert und ihre Lebensgeschichten aufgeschrieben. Ab Sonntag präsentiert er „Ein Dorf zeigt sich“ als Ausstellung. Die RUNDSCHAU hat mit ihm über das einzigartige Projekt gesprochen.


Herr Böckelmann, worum geht es bei „Ein Dorf zeigt sich“?

Es ist eine Feldforschung in einem ostdeutschen Dorf. Sie dokumentiert für die Nachwelt ein Zeitfenster von Altenau aus den Jahren 2010 und 2011. Es zeigt, welche Menschen zu diesem Zeitpunkt hier leben, wie sie leben und welche Vergangenheit sie haben. In den Einzelschicksalen der Altenauer spiegelt sich die Geschichte Ostdeutschlands seit dem Zweiten Weltkrieg.


Was für Schicksale sind das?

Es sind Geschichten von Krieg, Vertreibung, Flüchtlingselend, vom Leben und Überleben unter widrigen Umständen, vom DDR-Alltag, auch von Lebensfreude und enormer Lebensenergie. Die Vorstellung, dass in einem solchen Dorf Familien leben, die dort schon seit Jahrhunderten die Scholle pflügen, ist ein Irrtum. Unter den Altenauern sind nur wenige Alteingesessene, die in ihren Elternhäusern leben und diese an die Kinder weitergeben. Zu den Einwohnern mit DDR-Biografie gehören Arbeiter aus den LPGs, aber zum Beispiel auch Wehrdienstleistende an der innerdeutschen Grenze und ein Politoffizier. Hinter jedem Bewohner steht ein einzigartiges Schicksal.


Wie wurde die Idee zu diesem Dorfporträt geboren?

Nachdem ich 1980 nach dem Studium von Dresden nach Altenau gezogen war, galt ich hier als Künstler mit langen Haaren und bunten Hosen als eine Art Zigeuner. Wenn dann noch hübsche Frauen zu mir zu Besuch kamen, haben die Dörfler wahrscheinlich von Gruppensex und wer weiß was fantasiert. Umgekehrt hatte auch ich meine Vorurteile. Ich wollte dann mehr über die Bevölkerung wissen und stellte fest, dass nur sehr wenig Zeitdokumente vorhanden sind. So reifte die Idee zu dem Projekt, bis ich den Eindruck hatte: Die Leute würden mitmachen. Mit dem großen Vertrauen, das mir entgegengebracht wurde, habe ich allerdings nicht gerechnet.


Wie ist es Ihnen gelungen, fast alle Altenauer zur Teilnahme zu bewegen?

Zuerst habe ich mich an diejenigen gewandt, zu denen ich schon Kontakt hatte. Andere habe ich sehr vorsichtig angesprochen. Viele kamen von selbst auf mich zu, nachdem sie vom Projekt erfahren hatten. Sogar mein Nachbar, mit dem ich seit zehn Jahren nicht geredet hatte, weil wir uns wegen Musik bei einer Party meiner Tochter zerstritten hatten, hat mich in sein Haus gebeten. Insgesamt habe ich seit dem Spätsommer 2010 genau 222 Altenauer besucht und fotografiert. Nur drei Familien nahmen nicht am Projekt teil.


Warum erzählen die Leute ihre Lebensgeschichte?

Viele Altenauer sind recht betagt, inzwischen sind vier meiner Interviewpartner leider schon verstorben. Ich glaube, es geht ihnen und mir darum, dass etwas bleibt – wie ein Denkmal. Vor zehn Jahren wäre dieses Projekt vielleicht noch nicht möglich gewesen. Doch seit dem Ende der DDR sind jetzt 20 Jahre vergangen. Die Menschen haben sich an die Meinungsfreiheit gewöhnt, sie sind bereit, über Dinge zu sprechen, die über Jahrzehnte Tabu waren. Zum Beispiel erzählte eine 94-Jährige, die in Liebenwerda lebt und von dem Projekt gehört hat, zum ersten Mal in ihrem Leben, sozusagen stellvertretend, dass sie von Rotarmisten vergewaltigt worden ist. Manche wollen sich einige Erlebnisse wohl endlich von der Seele zu reden. Ich habe viele Männer weinen sehen, während sie ihr Schicksal hervorkramten.


Sind die Fotos besonders arrangiert?

Nein, ich wollte die Leute so fotografieren, wie sie sich selbst platzieren. Für die Innenräume habe ich ein Weitwinkelobjektiv benutzt, weil mir als Zeitdokument wichtig war, dass die das gesamte Interieur zu sehen ist. Die Bilder sind wohlwollend, aber nicht geschönt.


Wie haben Sie diese aufwändige Arbeit finanziert?

75 Prozent der Kosten übernimmt der Europäische Sozialfonds im Rahmen des Förderprojekts „Kompetenzentwicklung Kunst und Kultur“. Der Rest ist meine Eigenleistung. Ich habe mich natürlich völlig im  Arbeitsaufwand verschätzt.


Was passiert mit dem Dokumentationsmaterial?

Einen Teil der Fotos stellen meine Frau E. R. N. A. und ich in unserer Galerie aus. Zu Weihnachten erscheint die Buchfassung mit Bildern und allen Texten. Es werden drei Bände mit jeweils 500 Seiten. Von jedem Band werden 50 Exemplare gedruckt. Fünf davon sind für das Altenauer Bürgerhaus bestimmt, fünf weitere behalte ich, der Rest soll in verschiedenen Museen aufbewahrt werden.


Welche Nachwirkung wird das Projekt auf die Dorfgemeinschaft haben?

Ich weiß es nicht. Für mich und meine Frau war es eine sehr aufwühlende Arbeit. Wir haben beim Abtippen der Interviewtonbänder oft heulen müssen. Man sieht Menschen anders, wenn man ihre oft tragische Lebensgeschichte kennt. Wir haben manche Vorurteile über Bord geworfen.


Wäre es nicht gut, wenn jede Familie in Altenau die drei Bücher erhält und liest? So würde jeder seine Nachbarn in neuem Licht kennenlernen. 

Leider kann ich so viele Exemplare nicht vorfinanzieren. Aber auf Bestellung lasse ich gerne weitere Bücher nachdrucken.


Die Fragen stellte

Felix Johannes Enzian


Wegweiser

„Altenau – ein Dorf zeigt sich“. Ausstellung zum Abschluss des Geschichts- und Kunstprojektes von Paul Böckelmann. Bis April 2011. Eröffnung: Sonntag, 11. September, 15 Uhr. Galerie Altenau 04, Alter Pfarrhof, 04931 Mühlberg/ OT Altenau.      

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