Meine Reformation I. Teil

 
 

Blick in die Ausstellung


Laudatio Heinz Weißflog


Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Gäste aus nah und fern, liebe Freunde der Kunst, liebe Künstler/innen und Familie Böckelmann!

Vor einem Jahr begannen die Planungen für eine Ausstellung mit bildenden Künstler/innen, Galeristen, Philosophen und Journalisten zum Thema Luther aus Anlass der Lutherdekade und dem 500 jährigen Jubiläum der Reformation in diesem Jahr. Die Ausstellung steht unter dem Titel "Meine Reformation" und meint die ganz persönlichen, ja intimen Beziehungen der Künstler/innen zur religiösen Wende im 16. Jahrhundert und zur Person Martin Luthers, des Doktors der Theologie, seinen Schriften und seiner weltweiten Ausstrahlung. Neben der Ausstellung entstand ein anspruchsvoller Flyer, in dem Malerei, Grafik, Objektkunst und Fotografie zum Thema Luther und seine Ideenwelt, aber auch Essays exposéartig vorgestellt werden, die in einem für September geplanten Katalog zusammengefasst und vorgestellt werden. Initiator des Projektes ist Paul Böckelmann mit seinen affinen Beziehungen zu Martin Luther, ein bekennender Atheist, den die Figur des Reformators schon lange und immer wieder wegen ihrer menschlich-intimen und religiös-theoretischen Positionen fasziniert. Dabei liegt die Wahrheit jenseits von gut und böse. Der Philosoph Dr. Roland Strauß schreibt dazu: "Wir Menschen sind die großen Vereinfacher. Suchen nach wahr oder falsch, kennen nur gut und böse, lieben schwarz oder weiß! Das ist das Erbe der Menschheit, unangemessen der Komplexität des Lebendigen, Natürlichen".

Steffen Fischer

Der in Dürrröhrsdorf lebende Maler und Grafiker Steffen Fischer liebt das Figürliche und benutzt es, um existentielle Probleme des Menschen zu zeigen, darunter vor allem die Geschlechterbeziehungen, das Verhältnis von Mann und Frau, das immer ein Spiegel der herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse ist. Die drastische Erotik in seinen Bildern macht vor keinen Tabus Halt. Dabei zeigt er die Verknüpfungen von Eros und Macht, Sexualität und Religion, Reichtum und Dekadenz. In seinen Reformationsblättern (den schwarz-weißen Federzeichnungen und farbigen Mischtechniken) zeigt er in skurrilen Stellungen und Verkleidungen den Geist des verkommenen, machtbesessenen Klerus, die oft schizoide Einstellung im Geschlechtlichen, die in Missbrauch oder sadomasochistischen Praktiken gipfelt. Der Mensch Luther wird in seiner Intimität gezeigt, die bis an die Grenzen ausgeschöpft ist und schon wieder fast weh tut. Charlie Hebdo lässt grüßen. Das Bild wird zur beißenden Satire und Karrikatur, beinahe fatal. Die fein über die Konturen gezogenen Farbflächen mit ihren edlen, goldbrokatenen Gelbs und Rots verleihen den Bildern Tiefe und bildnerische Noncharlance in der Behandlung des Historischen (in Kleidung und Mode und anderem Zubehör) und seiner Steigerung ins Moderne.

Paul Böckelmann

Für Paul Böckelmann sind die Bibel, Luthers Worte und einige davon abgeleitete eigene Zitate Anlass, sich mit der christlichen Religion im Besonderen und der Religion im Allgemeinen bildnerisch auseinanderzusetzen. Zitate aus der Heiligen Schrift und von Luthers Reden und Aussprüchen werden mit Farbzeichnungen kombiniert, die den Inhalt verfremden und durch figürliche Darstellungen kommentieren. In einigen Zitaten wird der demagogische Charakter mancher Rede von Luther deutlich, die nahe an eine selbstherrliche und autoritäre Selbstdarstellungen heranreicht. Viele dieser Worte und Reden von Luther sind den Gläubigen zum Teil völlig unbekannt, wurden verschwiegen und verweisen auf die dunkle Seite des Reformators. In einigen der Farbzeichnungen findet man schimärische Köpfe, die Gott als Erlöser und Dämon zeigen. Schrift und Figur bilden eine interessante, einander durchdringende Einheit mit hohem grafischen-illustrativen Effekt.

E.R.N.A.

Klaus Körners Müntzer-Poem "Gegenlicht-traumgeschwärzt" hat Elke Böckelmann (E.R.N.A.) 1990 illustriert. Die im Nachhinein mit dem Elfenbeinstift veredelten Siebdrucke zu den Gedichten von Körner beziehen sich auf den christlichen Kreuzweg, den der Dichter (Initiative christliche Linke, Initiative Kirche von unten) zum Gegenstand seiner Reise durch den Bauernkrieg und das revolutionäre Lateinamerika nimmt. Das dramatische Geschehen verflicht die Künstlerin zu ornamentalen Figurationen, die für das Werk der Malerin und Grafikerin typisch sind. Expressive Lineaturen umkreisen die Figur und verschmelzen mit ihr zu intimen Körperensembles von geschlossenem, blockhaften Charakter. Ihre Ölbilder auf Papier widmete sie den verbalen Frauendarstellungen in Luthers Werk, den ersten zaghaften Versuchen einer leibbetonten Emanzipation, aber auch den damaligen Grenzen und Beschränktheiten.

Fera Mansa

Intensiv und konkret setzte sich Fera Mansa aus Berlin mit Martin Luthers Schriften auseinander, einmal aus der Sicht eines jungen Menschen, aber auch als krankenpflegende Humanistin ohne christlichen Glauben. Ihre expressiven Farbzeichnungen verbinden eigene Texte der Empörung und des Aufschreis angesichts einer heillosen Welt, in der die Religionen die Probleme nur vermehren und verstärken, mit schockierenden Bildern von Wut, Sehnsucht, Mitleid, Lust und Angst. Luthers Schriften machten auf sie den Eindruck als dienten sie zur Rechtfertigung für die Grausamkeit des Lebens. Gerade junge Menschen hinterfragen mit wachem Geist und naiver, unverkommener Schärfe im Blick die Rolle des Fanatismus, dem größten Übel einer jeden Zeit, sowohl in der Religion selbst als auch in der mit ihr verknüpften Politik, die sich letztlich der Angst vor dem Fremden in uns bedient, Hass und Intoleranz schürt und zur Gewalt und schließlich zum Krieg aufruft.

Juan Miguel Restrepo Valdes

Der aus Kolumbien stammende Künstler und Architekt Juan Miguel Restrepo Valdes studierte in Marburg Bildende Kunst und Kunstgeschichte. Er beschäftigt sich seit einigen Jahren mit Malerei unter dem Titel "Paraphrasen Alter Meister". Neben altmeisterlichen Adaptionen zu Caravaggio in einem umfangreichen Zyklus und dem Studium der Bestände der Dresdner Gemäldegalerie, sowie der Auseinandersetzung mit Dante-Bildnissen und der "Divina Comedia" schuf er einige Bilder zum Thema "Heilige Reliquien", die eine große Bedeutung im katholischen Glauben haben, der ihn von Kindheit und Jugend an maßgeblich geprägt hat. "In den biblischen Darstellungen unserer kleinen Kirche fand ich den ersten Zugang zur Malerei. Jeden Sonntag mussten wir in den Gottesdienst und wurden in der ersten Schulstunde montags von einem strengen Priester zum Sonntags-Evangelium befragt". Die beiden Bilder in der Ausstellung konzentrieren sich auf die Auseinandersetzung mit Luthers Wort vom "Lügenhaften Narrenspiel" des Reliquien-und Heiligenkultes. "Absentia spiritus" (2014) widmet sich den alten Riten der lateinamerikanischen Spiritualität, dem Opfer-und Totenkult. Dabei inspirierte Restrepo das Buch "Im Reich der Toten" von Paul Koudounaris, Autor und Fotograf aus Los Angeles, über die verschiedenen Totenkulte in Europa und Amerika als katholisches Phänomen. Das Projekt über Luther ist für Restrepo eine Möglichkeit, sich über seine Wurzeln klar zu werden und als Maler einen gangbaren und akzeptablen Weg zu finden, der seine Gläubigkeit mit dem Geist der Moderne verbindet.

Tina Flau

"Kunst als Störfaktor in der neuerlichen Gesellschaft verorten" (nach Herbert Schirmer, Kunstwissenschaftler 2012) ist das Anliegen der Brandenburgischen Künstlerin Tina Flau. Ihre Installation "Der Glanz bestimmt den Wert" könnte wie ein Teil zum Titel dieser Ausstellung  gehören. Sie sagt alles aus, was den heutigen Künstler/in in Bezug auf den Zeitgeist umtreibt. Ein Kreuz aus Schokoladentalern mit leerer Mitte funkelt und leuchtet verführerisch golden, während auf den fünf davor stehenden Bußschemeln keine Platz ist zum Rasten und Ausruhn, denn sie sind mit rostigen Nägeln bestückt. In der Mitte liegt das Herz. In welchen Zeiten leben wir, wie lebte Martin Luther? fragt die Künstlerin mit ihrem Kunstwerk. Hinter allem Glanz (er ist sein Gold wert, sagt man) lauern das Nichts und die Leere, die Bodenlosigkeit und der Abgrund der postmodernen Gesellschaft.

Andreas Hanisch

Den Umgang mit der Ikone Luther dokumentierte Andreas Hanisch (Fotoautodidakt) an Hand seiner Fotos von Lutherdenkmalen in Wittenberg, Eisleben, Mansfeld, Erfurt, Worms, Eisenach, Schmalkalden, Coburg, Stotternheim, Heidelberg und Leipzig. Das rosenumblühte Kriegerdenkmal in Mansfeld zeigt (vor dem Hintergrund der Deutschlandfahne) einen matrialischen Luther auf einem dreiteiligen Bronzerelief mit dreieckigem Grundriss: Luther als Kind, als Erwachsener und als Prediger. Die religiöse Mahnüberschrift "Hindurch zum Sieg" wird hier zur rhetorischen Durchhaltefloskel stürmender und sterbender Krieger.

Die Essays

Im Kabinett der Ausstellung schmücken Texte von drei Essayisten über Luther und sein Werk die Wände. Die Galeristin und Südamerika-Expertin Liselotte Rojas Sanoja referiert über die 100 jährige Entdeckungsgeschichte des amerikanischen Kontinents, die mit 300 Kupferstichen und 2000 Textseiten in 14 Bänden von der calvinistischen Künstlerfamilie de Bry dokumentiert,  produziert und verlegt wurde. De Bry musste wegen seines reformatorischen Glaubens 1570 seine Heimat verlassen und nach Frankfurt am Main übersiedeln.

Der ehemalige Lehrer und Philosoph Dr. Roland Strauß erzählt in sieben Thesen von seinen Erfahrungen mit Luther und seinen Schriften, der als Exeget, Reformer, Ketzer, Protestant, Kirchenspalter, Prophet, Sprachschöpfer, Judenfreund und Judenhasser, Türken- (Islam) Feind, deutscher Rebell, Poet, Hassprediger, Verräter, Fürstenknecht, frühbürgerlicher Revolutionär und widerlicher Geselle in seinem Essay auftaucht und als zentrale Figur der deutschen Geschichte mit all seinen Brüchen dargestellt wird.

Ich selbst habe in einer Ideenskizze über die Bedeutung von Luthers Bibelübersetzung und die Neubesinnung auf das Wort (Gottes) geschrieben. Durch die Nähe der Übersetzungsarbeit steigt Luther in die Tiefe der mitteldeutschen Sprache hinein, benutzt Elemente der Volkssprache und sucht nach sprachlicher Klarheit und Anschaulichkeit. Buchdruck und Lutherbibel bilden die Grundlage für die intellektuelle und geistliche Erweckung und Entwicklung seiner deutschen Leserschaft. Konträr zu Luthers Wort stehen sich zwei bedeutende Persönlichkeiten des antifaschistischen Widerstandes, Dietrich Bonhoeffer und Victor Klemperer gegenüber, die sowohl Trost als auch Kritikwürdiges, wie den Judenhass in Luthers Schriften fanden.


Heinz Weißflog

Ausstellung vom 7. Mai bis 20. August 2017


* Tina Flau * feramansa * Lieselotte Rojas Sanoja * E.R.N.A. * Steffen Fischer *  * Dr. Roland Strauß * Juan Miguel Restrepo Valdes * Andreas Hanisch *

* Paul Böckelmann * Heinz Weißflog *