Wilhelm Kaltenborn

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E.R.N.A.

ist im sächsischen Lichtenstein geboren, in Dresden aufgewachsen. Sie absolvierte eine Lehre als Kinderkrankenschwester und besuchte ein Abendstudium an der HfBK Dresden; arbeitete als Teppichweberin und war in der Grundstücksverwaltung tätig. Dann kam ihr reguläres HfBK-Studium. 1984 begann sie ihre freischaffende Tätigkeit.


Seit 1980 lebt sie mit Paul Böckelmann auf dem ehemaligen Pfarrhof in Altenau, im südlichen Brandenburg, dicht an der Elbe bei Mühlberg. Eine ziemlich spannungslose Landschaft für ein Durchschnittsauge. E.R.N.A. sieht da aber mehr und anderes, wie ihre Zeichnungen zeigen. Das gilt ganz besonders für die Serie „Flachland“. Sie stellt diese karge Landschaft geradezu monumental dar, einschließlich einer sehr bedrohlich wirkenden Windhose.


Aber noch ein Wort zum Domizil in Altenau. Der von den Beiden nach und nach gestaltete Pfarrhof ist äußerst beeindruckend, einschließlich des Gartens. Das wächst und blüht da nur so, angereichert mit zugewachsenen fertigen und halbfertigen Skulpturen. Eine verwunschene Symbiose aus Kunst und Natur.


Die Arbeitsgebiete E.R.N.A.’s sind vor allem Malerei, Grafik, Zeichnungen, Keramik  und natürlich die großen umfassenden Raumgestaltungen zusammen mit Paul Böckelmann.


Sie hatte unzählige Ausstellungen, Einzel- und Gruppenausstellungen, von Worpswede bis Slowenien, von Paris bis Polen, noch zu DDR-Zeiten in Westberlin. Ihre Arbeiten sind im Berliner Kupferstichkabinett zu finden und in den Türmen der Deutschen Bank in Frankfurt am Main (wenn man sich angesichts der Geldnöte dort nicht schon von den wertvollen Stücken getrennt hat).


Sie sagt von sich: „Ich bin eine Zeichnerin“, was allerdings eine unzulässige Selbstreduktion ist. Sie ist wesentlich mehr. Hier hängen aber nun Zeichnungen von ihr. Sie bestätigen, was E.R.N.A. auch sagt: Sie unterliege nämlich immer wieder der Magie des Schwarz-Weiß-Kontrastes. Dieser Magie sind wir jetzt ausgesetzt.


Hier in Gestalt ihrer Tuschzeichnungen aus verschiedenen Serien, mit äußerst lakonischen Titeln, eigentlich nur Stichworten, die einen konkreten Tatbestand benennen, wie Gestalten, Gesichtsfelder oder das schon genannte Flachland. Aber auch eine abstrakte Bezeichnung ist dabei: Konsequent. Um die 20 Zeichnungen sehen wir hier.


Sie mögen manchem durchaus sperrig erscheinen (einige tragen auch Sperren, ich komme darauf zurück); sie empfangen den Betrachter nicht unbedingt mit offenen Armen. Sie sind tiefgründig und erschließen sich erst, wenn man sich auf sie genauer einlässt. Tiefgründigkeit heißt auch, der Betrachter hat viele, zumindest mehrere Möglichkeiten der Sichtweise auf ein Bild.


Nehmen wir den „Wald“: Wir sehen einen Stamm und um ihn zehn Stämmchen mit ziemlich dünnen Wurzeln. Man kann sehr weit, sehr tief hindurch sehen.  Ein richtiger Wald ist das nicht. Ein absterbender Wald? Es ist aber auch viel an filigraner Bewegung zu entdecken. Die Baumkronen wirken eher wie kleine Windhosen in ihrer drehenden wirbelnden Bewegung. Plötzlich vermag man auch einen Wolf zu sehen. Also doch Wald, ein Märchenwald sogar? Je mehr, je länger man in das Bild hineinsieht, desto mehr Fragen kommen zurück.


Das ist immer wieder das Faszinierende an einem Kunstwerk, an einem Bild, dass es mehr Fragen stellt, als es zu beantworten vermag; und dass man es oft und genau ansehen muss, um damit für sich klar zu kommen; dass man vielleicht noch nach Jahren, nachdem man eine Zeichnung dutzende oder hunderte Male gesehen hat, plötzlich zwei nie vorher bemerkte Striche entdeckt, die einen neuen Aspekt betonen; noch eine Frage stellen. Es würde mich nicht wundern, nachher in E.R.N.A.s „Wald“ genau solch eine Überraschung zu erleben.


Sie schafft sich ihre eigenen Welten. Denn „ich lasse es zu“, sagt E.R.N.A., „das Angebot des Zufalls nutzend, wenn die Tusche fließt, dass eine Gestalt entsteht und ich sie dann durch gezieltes Arbeiten auf dem Papier forme“. Sie geht also nicht von einem fertigen Konzept für die Zeichnung aus. Sie ergreift die Situation, die sich durchs erste oder zweite Aufsetzen des Pinsels bietet, und gestaltet sie. Vermutlich sind die ersten Strichchen und Striche die schwierigsten.


Nun können Titel Wegweiser sein. Sie können aber auch in die Irre führen. Das hängt manchmal auch vom Betrachter ab. Ich nehme das Beispiel der „Luke“ aus der gleichen Serie „konsequent“. Ich vermag da keine Luke zu entdecken. Wenn Luke, wäre es dann eine nach oben oder nach unten, Dachluke oder Kellerluke? Diese Zeichnung fasziniert mich aber, dies gebändigte Durcheinander von spinnwebfeinen Kringeln inmitten von verschiedenen schmalen Rechtecken, in der Mitte ein Amöbenschwarm unter dem Mikroskop und das Ganze zwischen einem von Schwarz zu meist dunklem Grau changierenden fest gefügten Rahmen. Ich bin mit dieser Zeichnung längst noch nicht am Ende. Ich sehe Fragen, weiß aber keine Antworten. Für manchen unter Ihnen, meine Damen und Herren, mögen sie dagegen ganz leicht zu finden sein.


Ich habe vorhin behauptet, manche Zeichnungen trügen Sperren. Das bezog sich auf die Serie „Gesichtsfelder“. Hier hat E.R.N.A. nämlich eine höchst eigenartige Darstellungsweise gewählt. Jedes Gesicht, also jedes Porträt, ist einerseits deutlich erkennbar, unverwechselbar die dargestellte Person als Individuum. Und doch sind sie – fast alle – mit einem Raster überzogen; jedes wieder sehr eigen. Die so von E.R.N.A. präsentierten Personen wirken teils beinahe wie eingesperrt, teils wie maskiert. Trotz der deutlich erkennbaren, ihnen zugehörigen Physiognomien, möchte man – jedenfalls bei manchen – hinter diese Verfremdungen schauen, um die wahren Gesichter wahrnehmen zu können. Ein eigenartiges Spiel von deutlich wahrnehmbarer Präsenz und verstecktem Geheimnis findet hier statt. Da ließe sich vieles hineininterpretieren.


Was E.R.N.A. betrifft, überlasse ich Sie gleich, meine Damen und Herren Ihren eigenen Bemühungen, die Fragen in den Zeichnungen zu entdecken und die eine oder andere Antwort zu finden. Und übersehen  Sie dabei nicht die Plastiken.


Paul Böckelmann

ist 1952 in Dessau geboren, machte eine Lehre als Gebrauchswerber und studierte in den Jahren  um 1980 Malerei und Grafik an der HfBK Dresden. 1980 war auch für ihn das Jahr der Eroberung des Altenauer Pfarrhofes – oder eher der Beginn dieser Eroberung.


Er gestaltete Metallskulpturen, Holzplastiken, Holzschnitte, malte aber auch und wurde immer wieder – zusammen mit E.R.N.A. -  mit umfangreichen Raumgestaltungen beauftragt. Auch Fotografie, digitale Kunst und Multimediaprojekte waren und sind seine Arbeitsgebiete.


Sein größtes Projekt aber hieß und heißt „Altenau: Ein Dorf zeigt sich“. Dazu muss ich drei Sätze auch in Abwesenheit des Projektes sagen: Innerhalb von zwei Jahren – 2010 und 11 – hat Paul Böckelmann mit allen der rund 100 Familien des Dorfes Gespräche geführt – oder besser: Er hat sie erzählen lassen, von ihrem Leben, ihren Schicksalen, von ihren Enttäuschungen, von ihrem wieder durchbrechenden Lebensmut. „Sie haben“, wie es im Vorwort zur Veröffentlichung  dazu heißt, „ihm nicht nur ihre Türen, sondern auch ihre Herzen und Seelen geöffnet“. Diese Texte und die Fotos aller Einwohner und aller Häuser füllen rund 1.500 Seiten in drei Bänden. Sie sind von ungeheurer Eindringlichkeit, ergreifend, spannend, tröstlich  - eine Hommage an den Menschen, ein document of human being.


Aber hier und heute können und sollten wir uns seinen Bildern nähern. Gut 40 sind es, die hier ausgestellt sind, darunter 13 (von 114) aus dem Zyklus „Totentanz“. Paul Böckelmann hat damit ein über 500 Jahre altes Motiv aufgegriffen. Es taucht in der europäischen Kunst in einer Zeit des alles stürzenden Umbruchs auf, im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Die vertraute, ausgewogene Welt geriet in Unordnung. Es war vorher eine Welt, in der jeder seinen von Gott angewiesenen Platz innehatte. Die dadurch gegebene Sicherheit bröckelte jetzt allmählich. Die Kirche, die weltlichen Herrschaftsstrukturen, das vermeintliche Wissen um die Welt – alles kam ins Wanken, verstärkt noch durch die fürchterlichen Pestepidemien. So blieb eines unangefochten im Bewusstsein der Menschen in Europa.


Es war die Macht des Todes, dem alle unterworfen sind, vom Bettler bis zum König, vom Kind in der Wiege bis zum Papst. Und das wurde in der bildnerischen Darstellung aufgenommen, eben als Totentanz. Im vergangenen Jahrhundert sind die Totentänze dann wieder in die Welt gekommen; während des Ersten Weltkrieges durch Otto Dix, Ende der sechziger Jahre durch HAP Grieshaber in Basel, wenig später durch Alfred Hrdlicka in Berlin, in der Plötzenseeer Kirche. Die Welt war wieder in große Unordnung geraten.


Und nun Paul Böckelmann: In unseren Zeiten mit den gegenläufigen Tendenzen der Individualisierung und der Globalisierung sind die Typen, auf die bei ihm der Tod zugreift, wesentlich zahlreicher geworden: da ist der Künstler, die Übergewichtige, die Operndiva, die Kokotte, der unbekümmerte Sportsmann, der mit seiner Männlichkeit Protzende, der SS-Offizier, die Esoterikerin, der, den man früher Eingeborener nannte und sogar der Vater aus der Bronzezeit. Vor dem Tod sind halt alle Menschen gleich. Er stößt kaum auf Widerstand. Wie es scheint, fügt man sich in der Regel dem Unvermeidlichen. Nur manche versuchen sich dem Geschehen zu entziehen, aber – soviel ist sicher – es wird ihnen nicht gelingen.


Der Tod bei Paul Böckelmann ist selten grimmig oder machtlüstern, gelegentlich sogar eher freundlich. Er tut halt seine Arbeit. Aber in seiner Gleichmut sagt er allen, was er schon vor 500 Jahren sagte: „Ich war das, was du bist; du wirst sein, was ich bin.“ So scheint es ein eher partnerschaftliches Verhältnis. Der Tod führt schließlich auch keinen Gruppentanz an, wie vor fünfhundert Jahren. Bei Paul Böckelmann übt er den Paartanz ein.


Das Seltsame ist: Die Bilder sind von hoher Farbigkeit. Sie leuchten und strahlen sehr intensiv. Das Eigentliche, dass nämlich der Tod ein für alle Mal den Menschen abholt, ist manchmal in der wirbelnden Farbigkeit der Bilder kaum zu erkennen. Man meint ein pralles Geschehen zu sehen, einige Male sogar voller Fröhlichkeit. Um die Paradoxie auf den Begriff zu bringen: Paul Böckelmanns Totentanz sprüht vor Lebendigkeit. Verliert er dadurch seinen Schrecken? Besänftigt er die eigene Betroffenheit? Wieder stellen Bilder Fragen und wieder gibt es keine sicheren Antworten.


Noch eine Gruppe von Bildern will ich erwähnen, die „Köpfe“ aus den Jahren 2012/13, 18 Arbeiten sind es. Wie immer ihre Titel im Einzelnen lauten, es sind Köpfe, Gesichter – und sie wirken, als seien es Fassaden vor den Köpfen.


Da gibt es einen Kopf aus der Serie „Asche, Dreck und feine Seelen“ zu sehen. Hier ist mit Acryl und tatsächlich Asche gearbeitet. Dieser Kopf muss den für meine Begriffe etwas verächtlichen Titel „Neon, die Leuchte“ tragen. Er wäre aber auch bei allem Wohlwollen wirklich kein Typ, mit dem man (oder jedenfalls ich) unbedingt Umgang haben wollte.


Fast alle anderen Köpfe stammen aus der Serie „Selbst in Variationen“. Sie bestehen aus Öl und Acryl auf Papier. Auch sie brennen sich dem Auge durch ihre intensive Farbigkeit ein. Dabei ist keine Farbe, keine Farbmischung ausgespart. Die gesamte Serie umfasst 111 Arbeiten (wenn ich richtig gezählt habe), von denen wir hier 16 sehen können.


Wie ist nun der Serientitel „Selbst in Variationen“ zu verstehen? Zeigt Paul Böckelmann wirklich sich selbst mal als „Genauer Pingler“, wie eine Arbeit heißt, mal „Himmlisch korrekt“, mal als „Hübsche Fassade“ usw. ? Aber wer immer hinter dem „Selbst“ steckt oder stecken soll, wie genau auch immer man die Köpfe betrachtet, Klarheit über ihre Eigenschaften gewinnt man nicht. Ich habe vorhin von den Fassaden vor den Köpfen gesprochen. Es sind für mein Verständnis wirklich Fassaden. In das Innere, das Eigentliche dringt man nicht ein.


Und damit, meine Damen und Herren, entlasse ich sie in den Versuch, sich genauer über die – ich sag’ mal: - Seele all der Arbeiten hier von E.R.N.A. und Paul Böckelmann klar zu werden. Einen Gewinn werden Sie allemal mit nach Hause nehmen. - Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.


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