Heinz Weißflog - Laudatio

 

die in seiner plastischen Philosophie zusammenfließen. Ethnologie, antiker Mythos und Kunst gehen hier zusammen. Vertikale und Horizontale kreuzen sich in harmonischer Einheit: Die Vertikale steht darin für das spirituelle Verhältnis zu Gott, von unten nach oben aus der Perspektive des Menschen gesehen, von der Erde in den Himmel; die Horizontale dagegen für den Erdkreis als Zeitstrahl und Endlichkeit der Existenz aller Dinge, den Kreislauf und die ewige Wiederkehr alles Gleichen. Im Kreuzpunkt dieser Linien steht der Mensch. Schließlich sind für Miguel Sanoja die Brücken-Bronzen auch Ausdruck seiner formalen Suche nach Balance des Materials, nach Erforschung der plastischen Ponderation, die sich in dem Verhältnis der Massen zueinander und zum Volumen zeigt und als bildhauerischer Wohlklang in seinem Werk offenbart.

Wegweiser und totemistische Zeichenhaftigkeit im Solitär

Der senkrechte Pfahl, im Amazonasgebiet oft als "Wegweiser" bezeichnet, die mit Steinen beschwert sind, hat nicht nur reale Funktionen, den Ort zu bezeichnen, sondern auch mythische. Bei vielen Arbeiten Sanojas kennzeichnet der Solitär das besondere Verhältnis eines Stammes (Tribe) zu seinen Schöpfergöttern. Oft drückt sich das in einer fiktiven verwandtschaftlichen Beziehung aus, in einer gemeinsamen Abstammung, die auf Tier-und Pflanzenarten, Naturerscheinungen oder Objekte zurückgeführt wird. Die "Totems" können als kraftragende Embleme bzw. als systematische Symbolisation sozialer Einheiten aufgefasst werden. Viele seiner Solitäre und schwertförmigen Lanzenformen stehen aufrecht und werden oft durch Steine bekrönt. Sie sind nicht nur Ausdruck einer spirituellen Beziehung sondern auch phallische Fruchtbarkeitssymbole.

Tribalplastiken

Zahlreiche Figurengruppen stehen auf Steinen (ebenso aus Bronze) unterschiedlicher Anzahl und demonstrieren das solidarische Miteinander von sozialen Gruppen, hier auf der Basis von archaischen Stammesstrukturen. Gleichzeitg ragt das archaische Sozialgefüge in die Gegenwart hinein. Allein, zu Zweit oder in größeren Verbänden bilden sie eine ästhetische Einheit in all ihrer Unterschiedlichkeit. Die Harmonie der Gesamtplastik wird von der Anordnung der steinernen Basis bestimmt und die Figuren auf ihr wirken wie Stecknadeln in einem ausgebreiteten Kissen. Die menschliche Figur wird von Sanoja mit Bandagen verhüllt. Mit dieser Art lebendigen Mumifizierung drückt der Künstler die Schutzbedürftigkeit des Menschen aus, aber auch eine gewisse Uniformität des Einzelnen, die auf einem gemeinsamen Schicksal beruht, dessen individuelles Wesen aber aus der Masse herausragt und sich hier vor allem über die Körpersprache manisfestiert. Die Oberflächen der Bronzen schwanken zwischen einer schorfartigen Struktur und einer feinen, von Gold durchleuchteten Glättung.

Das Tor als Arkanum und die Antike

Delphi, das große Thema der antiken griechischen Mythen, hat auch Miguel Sanoja fasziniert. Seine mythischen "Tore" (umbral) stellen nicht nur die Tranzendenz im Geheimnnis des Orakels her sondern sprechen von seelischen Zuständen und Fragen nach einem Danach. Diese Spannung, die er durch drei mit Seilen zusammenghaltene Bronzepfähle erzeugt, innerhalb deren die Seelen auf der Schwelle stehen, bekommt durch die Enge des Durchlasses ein besonderes Gewicht. Immer geht es dem Künstler um die im Licht sich wandelnde Dreidimensionalität, die im freien Raum sowie in einem neutralen Atelier sich mit einer besonderen Spiritualität auflädt. Es sind immer wieder existenzielle Fragen, die ästhetisch umgesetzt werden und den Schauenden berühren, Fragen um das Geheimnis von Leben und Tod, Zeit und Raum, Endlichkeit und Ewigkeit, Geist und Materie. In den Sybillenstatuen arbeitet Sanoja mit dem Faltenwurf der Gewänder, die, wie andere antike Figuren auf einer schaukelförmigen, trapezartigen Basis agieren. Die Doppeldeutigkeit von erotischer Pose und Verhüllung macht den Reiz dieser Arbeiten aus. Höhepunkte sind Sanojas geflügelte Wesen, Engel und Siegesgöttinnen in einem, Metamorphosen aus Fantasie und Wirklichkeit, expressive, sehr dichte Neuschöpfungen aus dem Verborgenen, die nur dem schöpferischem Menschen, dem Künstler vorbehalten sind.


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